Stories
von Lutz Arnold
Juli 2021
Als schlechter, aber passionierter Kletterer und fanatischer Konsument alpinistischer Neuigkeiten habe ich mir lange den Kopf darüber zerbrochen, wie ich meinen 50. Geburtstag beim Klettern feiern kann. Inspirierend: Alex Honnolds 290 (ja, 290) Free-solo-„Seillängen“ in Auf- und Abstieg an seinem 29. Geburtstag (https://www.climbing.com/videos/video-alex-honnold-solos-290-pitches-on-his-29th-birthday/).
Meine schwierige Ausgangslage bei der Suche nach einem Projekt für den Normalsterblichen: Jenseits der 40 mit dem Klettern angefangen, viel weniger Zeit dafür, als ich gern hätte, BMI 27 usw. Und halt 50. Immerhin: 7er gehen. Aber was macht man daraus zu seinem 50.? Endlich springt mir die Rechnung ins Auge: 3 plus 4 plus 5 plus 6 plus 7 ergibt 25. Das Ganze mal 2: 50! Das definiert mein Projekt für meinen 50.: je zwei Routen in den Graden 3 bis 7 (nach SFJ-Führer) punkten. (Also „Honnold“ minus drei Schwierigkeitsgrade, dafür die Routenzahl durch 30 – und natürlich mit Seil.)
In der Nacht vor meinem Geburtstag regnet es leicht. Ich sehe mein Projekt in Gefahr. Wenn ich mich vorbereitet hätte, würde ich mich fragen, ob die Vorbereitung umsonst gewesen war. Aber morgens ist es trocken und die Felsen in Schönhofen sicher auch. Ab mittags ist Regen angesagt. Ein weiterer Grund neben meinem Mangel an Ausdauer, einen Fels zu wählen, an dem die Routen nicht astronomisch lang sind. Also zur Nixenwand. Zum Start den „Linken Pfeiler“. Dann die Höchstschwierigkeit des Tages: „300 Watt“. Gerade am Start, erste Regentropfen.
Zum zweiten Mal Angst um mein Projekt. Aber nur die Treppe vom (durch den SFJ-Führer autorisierten) Senioreneinstieg von links ist etwas rutschig. Nach ein paar Tropfen hört der Regen auf, und wo’s steil wird, ist’s trocken geblieben. Beim Zug vom Seitgriff links in die Kelle rechts (die fieseligen Fingerlöcher dazwischen halte ich nicht) am dritten Haken (den zusätzlichen vom Senioreneinstieg mitgezählt) die Dynamik mobilisiert, die das Alter erlaubt, Zielgriff erreicht, Rotpunktdurchstieg klar, still jubelt der Jubilar. Bevor die Glykogenspeicher zu sehr beansprucht sind, „Puda rosa“ angehängt und durch den „Handriss“, damit sind die 6er und 7er geschafft (halbe Grade ignoriere ich, 7- zählt als 7er), der Rest ist Fleißarbeit. Als ersten 5er noch den „Faustriss“. Dann geht’s rüber an die Labertalwand. Wegen der unvorteilhaften Wettervorhersage ist’s leer geblieben. Die „Verschneidung“, den „Grashüpfer“ drangehängt, anschließend die „Rinne“ hoch. 44 von 50. Da es mit der „Westwand“ nur einen 3er gibt, den zweimal. Projekt geschafft. Im einsetzenden Regen Gipfelschnaps (Mirabelle) am Wandfuß. Dank an meine geschätzte Lebens- und Seilgefährtin (44), die (bis zur Westwand natürlich) mitgemacht hat.
Und nochmal zurück zum Ausgangspunkt („Als schlechter, aber passionierter Kletterer …“). Muss ich überdenken. Ich kann zwar nicht gut klettern. Und, ja, da reicht das fortgeschrittene Alter nicht als Entschuldigung. Andere klettern da noch glatt 11 (https://www.lacrux.com/klettern/52-jaehriger-alfredo-webber-klettert-9a-route-pure-dreaming/), und die juraclimbs-Routiniers spaßen über Alterserscheinungen in 9er-Routen. Aber nehmen wir die Definition des großen Alex Lowe:
„Der beste Kletterer ist der, der am meisten Spaß hat“
(https://www.ukclimbing.com/news/2005/10/alex_lowe_peak_the_best_climber_is_the_one_having_the_most_fun-20804). So gesehen, war ich, ohne gut klettern zu können, an diesem Vormittag vermutlich der beste weit und breit.