Schönhofen mal anders – Unsere kleine „Schönhofensinfonie“ in 4 Sätzen

von Simon Bauer

„Wie soll ich das denn klippen?

Das gibts doch gar nicht!“. Mit rechts habe ich ein kleines Leistenloch in der Hand. Eigentlich wäre der Griff gar nicht so schlecht. Das Problem ist aber, dass ich im weiteren Verlauf die Crux der Route vermute und ich den Haken, der mich bei dem Abschlussboulder sichern soll, noch nicht einhängen kann. „Nati jetzt musst du mal gut aufpassen und eng sichern!“ rufe ich runter und hoffe, dass ich trotz des starken Windes, der gerade um mich herumpfeift, Gehör finde. Ein letztes Mal putze ich mir, voll unter Konzentration nicht abzurutschen, meine nassen Kletterschuhspitzen an der Hose ab. Das Band auf dem ich gerade stehe, ist voller Schnee. Noch ein bisschen Chalk auf die Schuhe und los gehts. Ich trete hoch an und ziehe das Leistenloch mit rechts bis zum Anschlag durch. Die fast schon tauben Finger meiner linken Hand ertasten weit oben eine kleine Unebenheit. „Jetzt nur noch festhalten“ denk ich mir. Doch aufgrund meiner gefrorenen Finger schätze ich die Unebenheit wohl falsch ein. „Ratsch“ rutsche ich ab und hänge baumelnd im Seil knapp über dem „Schnee-“Band. Die Leiste war wohl doch etwas schlechter als gedacht. „Des muas ich mir jetzt doch mal gescheit anschauen“ rufe ich runter zu der zuverlässigsten Sicherin der Welt. Beim „gescheiten Anschauen“ merke ich gleich, dass ich so ziemlich alles falsch gemacht habe, was man so falsch machen kann. „Lass ab, des probier ich gleich nochmal“. Beim zweiten Versuch klappt der Boulder am Ausstieg und die Route ist geschafft.
16 Routen haben wir bis jetzt hinter uns gebracht. Es fehlen also nur noch die restlichen 51. Klingt machbar.

Genau 67 Routen wollen wir klettern. 15 an der „Eisenbahnerwand“, 13 am „Kletterblock“, 11 an der „Schwarzen Wand“ und zu guter Letzt noch 26 Routen an der „Labertalwand“.

Die Idee:

Nach einem tollen Klettertag am großen Keilstein im Altmühltal sitzen wir abends nach dem Essen noch am Tisch und planen unseren morgigen Klettertag. Geplant wäre eigentlich an die Kastlwand zu fahren und dort zusammen mit dem Gebietsbetreuer Eberhard Zieglmeier eine große „Wackel-Schuppe“ aus der Wand zu werfen. Dem Eberhard ist es an dem Tag allerdings zu kalt (Es ist leichter Schneefall, kalte Temperaturen und starker Wind sind angesagt). Also muss ein neuer Plan her.
Nati und ich beschließen nach Schönhofen zu fahren. Diesmal allerdings nicht nur, um dort einen entspannten Klettertag zu verbringen. Wir wollen zusammen alle Routen an einem Tag und möglichst ohne Pausen durchsteigen. „Okay, dann klettere ich die „Gesamtsituation“ in Verbindung mit „Die Ratten kommen aus den Löchern“. Dafür bekommst du „Strada de Sole“ und den „Presssack“ mitsamt „Schlachtplatte“ (Nati ist eigentlich Vegetarierin). Bei solch einem „Team-Ascent“ ist es wichtig die jeweiligen Stärken und Schwächen des Partners genau zu kennen und diese in die Planung mit einzubauen. Am Ende des Abends haben wir beide eine Liste mit verschiedenen Routen in der Hand, die wir morgen klettern werden. Schnell bereiten wir uns noch unseren Proviant für den nächsten Tag vor (Es gibt Couscous-Salat) und packen die Kletterrucksäcke. An Material haben wir dabei: ca. 30 Expressschlingen, 2 lange Bandschlingen (zur Seilzugverminderung bei den langen Routen), 1 Kletterhelm (für den Sicherer in Schönhofen immer sinnvoll), und natürlich Gurt, Schuhe und Chalk. Einen Clipstick hätte in der ein oder anderen Route sicher auch nicht geschadet, doch leider haben wir eben diesen tags zuvor am großen Keilstein stehen lassen.
Außerdem haben wir ein 60m Seil und ein abgeschnittenes 70m Seil im Gepäck. Letzteres wird uns noch das ein oder andere Problem bescheren (ein 70m Seil ist zu kurz für eine 40m Route).

Mitten in der Nacht

um 5 Uhr klingelt der Wecker. Draußen ist es noch „stockfinster“. Weil wir aber nicht genau wissen, wie lange unsere heutige Unternehmung dauern wird, starten wir lieber zu früh als zu spät. Draußen ist es schneidend kalt. Die Scheiben des Autos müssen erst einmal freigekratzt werden. Das verspricht uns für den heutigen April-Tag zumindest keine zu warmen Temperaturen versuche ich zu argumentieren. Natascha wirkt nicht sonderlich überzeugt. Pünktlich um 6 Uhr statten wir uns bei der kleinen Bäckerei in Schönhofen noch mit Backwaren für den Tag aus und machen uns nach einer 30 Sekunden langen Autofahrt auch schon auf den Weg zu den Felsen.
Fröstelnd und mit kalten Fingern kommen wir an der „Eisenbahner-Wand“ an. Diese Wand bietet in Summe die schwersten und anspruchsvollsten Klettereien des ganzen Tages. Deshalb starten wir hier.
Meine erste Route ist auch gleich die schwerste: Die „Träge Wampe“ spielt nicht auf mein körperliches Wohlbefinden nach dem Frühstück an, sondern meint den stark überhängenden Bauch im Zentrum der „Eisenbahner-Wand“. Mit dem Schwierigkeitsgrad 9 (bzw. 7c) ist sie die schwerste Route in Schönhofen. Ich habe die Route zwar vor ca. 5 Jahren schon einmal rotpunkt klettern können, aber eine gewisse Spannung ist trotzdem da. Die Tour ist im Prinzip das „Eintrittsticket“ für unseren ganzen Versuch, denn mehr als 5-6 ernsthafte Versuche gehen für mich in der Tour einfach nicht. Gegen 6:30 ist dann alles klar: Mit einem kleinen Jubelschrei klippe ich den Umlenker der „Trägen Wampe“. Jetzt wissen wir, es gibt kein Zurück mehr.
Die Natascha hat während meiner Versuche in der „Wampe“ bereits einen ordentlichen Vorsprung an Routen erreicht. Deshalb heißt es für mich jetzt, Loslegen und versuchen auch in den perfekten „Kletterflow“ zu kommen. Der „Flow“ kommt tatsächlich und wir beide genießen die Highlights der „Eisenbahner-Wand“ in vollen Zügen. Der „Presssack“ mitsamt „Schlachtplatte“ führt Natascha zunächst durch eine technische Platte und endet mit einem großgriffigen Ausstiegsüberhang. Auch der „Rudl-Saurer-Ged. Weg“ zählt meiner Meinung nach zu den schönsten Routen der Wand (auch wenn hier selbst für Schönhofener Verhältnisse ziemlich viele Bohrhaken stecken). Sie ist von allen Routen im achten Grad, die ich heute klettern werde, bei Weitem die Schönste. Aber auch die ein oder andere weniger lohnende Route sei hier erwähnt: Die „Resterrampe“ bietet zwar schwere Kletterei, dafür aber keine eigenständige Linie und zusätzlich auch noch brüchigen Fels. Wenn man an einem Tag alle Routen eines Gebietes klettert und so die Möglichkeit zum Vergleich hat, versteht man sofort, warum manche Touren nie geklettert werden.
Den ganzen restlichen Tag über wird unsere Stimmung dementsprechend fluktuieren. So, wie uns die Perlen des Labertalkletterns Lobeshymnen entlocken, bringen uns die „Schandrouten“ Schönhofens schon mal kurz zum Zweifeln, ob Klettern wirklich der richtige Sport für uns ist.
Um kurz vor 9 Uhr geben wir uns ein energiegeladenes „High-Five“. Alle Routen an der „Eisenbahner-Wand“ sind abgehakt.
Zusammen packen wir unsere Rucksäcke und machen uns auf den Weg nach oben zum Kletterblock. Dort angekommen wird uns bewusst wie unterschiedlich die Wetterverhältnisse (selbst in Schönhofen) teilweise sein können. Die „Eisenbahner-Wand“ ist komplett trocken und windgeschützt. Der „Kletterblock“ offenbart sich heute leider als eher unfreundlich. Eine wenig einladende Schneeschicht liegt am Wandfuß und lässt alles, was mit ihr in Berührung kommt entweder nass werden (Kletterschuhe, Seil) oder erfrieren (Finger, Zehen). Außerdem herrscht permanent leichter Luftzug in Richtung Tal. Um uns diesen Umständen anzupassen, entwickeln wir einen neuen Plan: Wir wechseln uns nicht mehr nach jeder Tour mit dem Klettern ab, sondern führen meist drei Routen in Folge. So müssen die tauben Finger und Zehen zwar in der ersten Route eines „Sets“ ziemlich leiden, sind dafür aber in den folgenden Routen besser durchblutet und bleiben warm. Der Plan geht auf.

Von den Wegen am Kletterblock

sind uns nur eine Hand voll schon bekannt und so werden wir immer wieder von der Schönheit bzw. der „Kratzigkeit“ einiger Wege überrascht. Zur ersteren Sorte zählen Schmankerl wie der „Knutschfleck“, die „Lustfurche“ oder das „Fingerloch“. Den Kontrast bildet das „Krokodil“ (Vorsicht: riesige lockere Schuppe) oder der „Blumenkohl“ (die Tour aus der Einleitung). Doch bis auf diese zwei Klettereien sind die Wege am Kletterblock ausnahmslos zu empfehlen. Kein anderer Fels bietet jenen eigentlich typisch „fränkischen“ Felscharakter mit seinen wunderbar gutgriffigen „Henkelausstiegen“. Gegen 12 Uhr mittags haben wir alle Routen des „Kletterblocks“ abgehakt und freuen uns auf weniger Wind und hoffentlich mehr Sonne an der „Schwarzen Wand“.
Die „Schwarze Wand“ schließt sich in westseitiger Richtung links oberhalb an die bekannte „Labertalwand“ an. Der Fels an der Wand hat eine ungewöhnlich schöne schwarze Farbe, sieht aber deshalb auch immer leicht feucht und rutschig aus. Aber der Schein trügt in der Regel. Es überwiegt gutgriffige Plattenkletterei an scharfen „Henkellöchern“. In der wunderschönen Ausdauerroute „All along the watchtower“ wird mir, als ich mit hochrotem Kopf am Umlenker ankomme klar, wie schwer der siebte Grad manchmal sein kann. Die Kombinationsroute „Jimmy Hendrix“ verbindet die Schlüsselstellen der schwersten Routen miteinander und fordert damit immerhin den unteren achten Grad. Auch danach ist es mit den Schwierigkeiten noch längst nicht vorbei. Denn ein kleiner Überhang durchzieht die Wand im unteren Viertel und bildet bei den meisten Routen, die hier verlaufen die Schlüsselstelle. In diesen technisch anspruchsvollen Plattenklettereien und Überhängen wird uns mal wieder bewusst, welch großen Einfluss Begehungsspuren, wie Chalk auf den Griffen, auf einen Onsight-Versuch haben können. Der „Hosenscheißer“ zeigt keinerlei Chalk-Spuren und entsprechend muss ich mich über die schwer zu durchschauende Schlüsselstelle über die Dachkante kämpfen.
Natascha und ich sind uns nach den Begehungen der Routen an dieser Wand einig: Besonders die Führen im sechsten Grad wirken auf den ersten Blick viel zu harmlos. Wirft man einen zweiten Blick auf die Touren, fallen einem die hohen ersten Haken und die vielen, vielen hohlen Schuppen (teilweise stecken da auch Bühler drin), die die Wand strukturieren, auf. Für so manchen Kletternovizen mag diese Einschätzung gar nicht so einfach sein (Aber gottseidank gibt es ja Clipsticks, und Steinschlaghelme).
Nach getaner Arbeit an der „Schwarzen Wand“ gönnen wir uns schließlich doch noch eine fünf-minütige Pause und genießen ein feines Stück Gewürzkuchen vom Schönhofener Bäcker (dieses sei an dieser Stelle jedem empfohlen!). Unser Ziel scheint in erreichbarer Nähe. Bisher sind wir 41 Routen geklettert. Das heißt uns fehlen nur noch 26. Hört sich eigentlich nicht schlecht an. Zumindest bis einem klar wird, dass die „Labertalwand“ mit etwa 35m Wandhöhe, die bei Weitem höchste Wand Schönhofens ist.
Am Einstieg der „Labertalwand“ angekommen startet Natascha gleich mit einer „Kombinationsroute“. Die Wege „Pfeiler“, „Grashüpfer“ und „Tod den Projektdieben“ bilden, wenn man sie aneinanderreiht, eine der schönsten und längsten Routen in ganz Schönhofen (ca. 40 Klettermeter). Wenn man wie wir drei Seillängen aneinanderreiht, sollte man aber nie den Seilzug unterschätzen. Besonders dann nicht, wenn die Schlüsselstelle erst ganz oben wartet. Und so kommt es, dass Natascha gefühlte fünf Minuten braucht, um den Umlenker einzuhängen, denn mit gepumpten Armen entsteht durch 40m Seil und all den geklippten Expressschlingen ein Zug, vergleichbar mit einer Hundeleine, an der zehn Hunde hängen, die versuchen einer Katze nachzujagen. Aber irgendwann rutscht das Seil doch noch in den Umlenker. Wieder am Boden (das 70m Seil hat natürlich nicht gereicht) wird uns bewusst, welches Glück wir heute mit den Wetterverhältnissen haben. Trotz der Osterferien ist außer uns nur eine weitere Seilschaft an der Wand unterwegs. Die zwei Baumpfleger, die zwar Klettergurte tragen, sich aber nur um den einsam stehenden Baum vor der Wand kümmern, hegen heute keinerlei Ambitionen, die Wand zu erklettern. Sie schauen uns etwas mitleidig an und erklimmen weiter ihren Baum.

Die Temperaturen

liegen heute nur knapp über dem Gefrierpunkt und so können wir, anders als man es bei einem Schönhofen-Besuch erwarten würde, eine Route nach der anderen klettern, ohne auch nur einmal anstehen zu müssen. Unter den vielen langen und einzigartigen Lochklettereien nochmals die Besten zu filtern, wäre wie unter Beethovens 32 Klaviersonaten eine Beste bestimmen zu müssen. Das ist einfach unmöglich, denn sie sind schließlich alle genial. Trotzdem seien hier ein paar der Perlen erwähnt: Die „Luft unter den Sohlen“ (quasi die Sonate Pathétique), mit ihrem nervenzehrenden Quergang ganz oben, „Mili Milou“ (quasi die Pastorale), die durch die zwei neuen Haken leider deutlich entschärft wurde (hier habe ich als Anfänger noch meine ersten Klemmkeile gelegt), oder der „Diagonalweg“ (quasi die Mondscheinsonate), der nur dann möglich ist, wenn man alleine an der Wand ist. Der „Diagonalweg“ ist ein großartiger und beeindruckender Quergang, von der Höhle im linken Bereich, bis zum Ausstieg rechts unterhalb des großen Gipfelblockes. In der Tat denke ich bei Nataschas Begehung des „Diagonalweges“ schon mit etwas Sorge an die Mondscheinsonate, denn langsam, aber sicher wird es schon wieder dunkel im Labertal. In der Hoffnung unsere Stirnlampen nicht zum Klettern benutzen zu müssen, treten wir die letzten drei Touren des Tages an. In Route Nr. 67, der „Härte“ muss Natascha dann doch einmal mit der Stirnlampe anrücken. Doch dann ist alles geschafft. Voller Freude fallen wir uns in die Arme und diskutieren kurz darauf schon, von wo wir uns jetzt dann eine leckere Pizza holen wollen. Mit der Stirnlampe suchen wir unser, an der ganzen Wand verstreutes Klettermaterial ein und machen uns auf den Weg zurück zum Auto. Mit dem Motto „Let´s never do this again“ schalten wir die Sitzheizungen im Auto auf volle Stufe und fahren ausgelaugt aber zufrieden zurück nach Regensburg.

Warum schreibe ich nun einen solch detaillierten Bericht über einen Klettertag in einem der bekanntesten und beliebtesten Klettergebiete Regensburgs?

Nun, auf der einen Seite, weil heute richtig schlechtes Wetter ist und ich nicht klettern fahren kann. Andererseits aber auch, weil ich hoffe, dass unser Erlebnis und unsere Geschichte den ein oder anderen „Schönhofen-Kenner“ doch etwas zum Schmunzeln gebracht hat und ihn oder sie an ähnliche Erlebnisse erinnert. Oder den Leser gar dazu motiviert, eines Tages noch früher als wir aufzustehen und es uns gleich zu tun. Vielleicht noch zusätzlich die Nixenwand und den Kuglerfels anzuhängen, oder unsere Zeit von 14,5 Stunden zu unterbieten.
Auf gar keinen Fall möchte ich jemanden zu irgendwelchen „Harakiri“-Aktionen motivieren oder den Begriff des „Speed-Kletterns“ im Labertal oder Altmühltal etablieren. So etwas bleibt besser ins Yosemite-Valley. Für uns beide war das in erster Linie ein schöner Klettertag, an dem wir einmal etwas mehr geklettert sind als sonst, mehr nicht. Viel Spaß beim Klettern!
In diesem Sinne wünsche ich allen Kletterern, die demnächst mal in Schönhofen klettern wollen, mindestens genauso viel Spaß wie wir an diesem Tag hatten.

PS: Gleich am nächsten Tag fuhr ich mit einem Freund in die fränkische Schweiz um eine athletische „10-“ an der „Vergessenen Welt“ zu versuchen. No Chance ;-)

Letzte Änderung: 2021-04-18 (etwa 2 Monate)